Danach ist es
ein Teil von dirBesuche junger Menschen
in Auschwitz-Birkenau
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Impressum Konzept Carry van Lakerveld, Amsterdam
Christoph Heubner, BerlinKonstruktions-Design Antoon Versteegde, Uden Graphischen-Design ArtWorksAndMore.com Fotografie Pieter Boersma, Amsterdam
Carla van Thijn, AmsterdamEnglische Übersetzung Richard Blake, Amsterdam Deutsche Übersetzung Ursula Haberl Koordination Carry van Lakerveld, Amsterdam Produktion Nederlands Auschwitz Comité, Amsterdam
Fondation Auschwitz, Brüssel
Comité Auschwitz Luxemburg
Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim
Internationale Jugendbegegnungsstätte, Oswiecim
Amicale d'Auschwitz, Paris
Lagergemeinschaft Auschwitz, Wien
Gaston Anen, Soleuvre
Françoise Bottois, Rouen
Maria Diduch, Huisen
Christoph Heubner, Berlin
Susanne Kowarc, Wien
Carry van Lakerveld, Amsterdam
Mady Moyse-Jacob, Luxemburg
Krystyna Oleksy, Oswiecim
George Rollinger, Luxemburg
Leszek Szuster, Oswiecim
Irena Szymanska, Oswiecim
Yannis Thanassekos, Brüssel
Teilnehmer Belgium Mikaël Dreesen, Véronique Lebacq,
Claude Remacle, Gill VenturelliDeutschland Oliver Geremia Cioffo, Manuela Greifzu,
Halise Özbey, Monika SchweenFrankreich Esther-Guylaine Abdelaziz, Mathieu 'DFOR' Deodat,
Christophe MarcheteauLuxemburg Nicolas Anen, Frenz Biver, Melanie Noesen Niederlande Judith Becker, Daniel Blocq, Marieke Brouwer,
Gerry Faber, Nienke Ledegang, Anke Oude BruninkÖsterreich Claudia Irrmann, Albert Kropf, Astrid Kunze,
Sonja Mittermayr, Herta Neiss, Andreas NeissPolen Tomek Laweczka, Sabina Stec, Wojtek
Stupnicki, Pawel Wawrzuta, Elzbieta Wezner
Danach ist es ein Teil von dir - Besuche junger Menschen in Auschwitz-Birkenau
[ Konzept ] - [ Teilnehmer ]
"Danach ist es ein Teil von dir"
Von Karl Forster
Es mussten schon zwei Jahrestage zusammenfallen, damit diese Ausstellung in Deutschland - wenn auch nur kurz - zu sehen war. Aus Anlass des 40. Jahrestages des Beginns der Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und zum 15-jährigen Bestehen der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz wurde die vom Internationalen Auschwitz Komitee (IAK) vor zwei Jahren erstellte Ausstellung "Danach ist es ein Teil von dir" fünf Tage lang im Berliner Willy-Brandt-Haus gezeigt. Die Ausstellung dokumentiert die Besuche junger Menschen aus verschiedenen Ländern in Auschwitz-Birkenau.
Ziel der Ausstellung ist es zu zeigen, was junge Menschen bei einem Besuch des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau lernen können. Die in der Ausstellung vorgestellten jungen Menschen aus Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden und Polen besuchten Auschwitz-Birkenau erst kürzlich oder schon vor etlicher Zeit. Bisher wurden keine akademischen Studien über die Auswirkungen des Schulunterrichts zum Thema Zweiter Weltkrieg oder der Shoah durchgeführt. Diese 22 jungen Menschen schildern jedoch auf beeindruckende und positive Weise, welche langfristigen Wirkungen dieser Besuch in ihnen hervorgerufen hat. Mit ihren Aussagen sind sie repräsentativ für viele, viele andere. Sie erzählen von dieser Reise als einem Erlebnis, das ihre Einstellung zum Leben im Allgemeinen und zu politischen und moralischen Fragen im Besonderen geprägt und verändert hat.
Die Bedeutung der Begleitung durch Überlebende des Lagers kann nicht genug hervorgehoben werden. Da das letzte Jahr-zehnt angebrochen ist, in dem es Überlebenden des Lagers praktisch möglich sein wird, diese Reisen zu unternehmen und ihre Erfahrungen jungen Menschen direkt zu vermitteln, ist es von großer Wichtigkeit, die Möglichkeiten einer Unterstützung und Koordinierung dieser Reisen auf europäischer Ebene zu diskutieren. Die Kapazitäten für die Entwicklung weiterer effektiver Programme auf verschiedenen Bildungsebenen sowie für die Planung und Realisierung von Lagerbesuchen durch multinationale Gruppen sind vorhanden.
Besuche junger Menschen in Auschwitz-Birkenau haben im Allgemeinen immer eine große Wirkung. Sie stellen ein hervorragendes Werkzeug für eine langfristige Bekämpfung von Vorurteilen und Rassismus dar, von dem jedoch bisher nicht ausreichend Gebrauch gemacht wurde.
Der Inhalt dieser Ausstellung stammt von den jungen Menschen selbst, die gebeten wurden, sich fotografieren zu lassen. Jeder Teilnehmer schrieb einen Text, in dem er sich vorstellte, sowie einen Text, indem er schilderte, welche Wirkung der Besuch in Auschwitz-Birkenau auf ihn hatte. Die in der Ausstellung präsentierten Texte sind in der jeweiligen Originalsprache. Die einzigen Veränderungen der Texte wurden zum Zweck der Verkürzung vorgenommen oder ergaben sich aus Problemen bei der Übersetzung.
Das Konzept der Ausstellung stammt von den beiden Vizepräsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees Carry van Lakerveld, Amsterdam und Christoph Heubner, Berlin. Die Umsetzung übernahm der niederländische Künstler Antoon Versteegde. Die Ausstellung war erstmals im Jahr 2000 im Gebäude des Europaparlaments in Brüssel zu sehen. Erst jetzt kam sie nach Berlin, konnte dort aber aus Termingründen nur fünf Tage stehen.
Zur Eröffnung sprachen u.a. die Witwe des ehemaligen Präsidenten des IAK, Baronin Rosa Goldstein, Brüssel und der ehemalige Vorsitzende der ASF und Beiratsmitglied der Deutsch -Polnischen Gesellschaft der BRD Hans Richard Nevermann. Beeindruckend waren die kurzen Ansprachen einer aus Polen stammenden Auszubildenden von VW die mit einer der zahlreichen Gruppen des Automobilkonzerns die Gedenkstätte Auschwitz besuchte, und eine Jugendliche aus der Stadt Os´wiecim. Wir dokumentieren im Folgenden einige der dort gehaltenen Ansprachen, da sie sehr gut die Arbeit der Begegnungsstätte und die Auswirkungen der Besuche auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigen.
Wer mehr über die Ausstellung und das Internationale Auschwitzkomitee erfahren will kann sich auf der Internetseite: www.auschwitz.info informieren.
Die Internationale Jugendbegegnungsstätte in AuschwitzSehr geehrte Damen und Herren!
Schon als die Aktion Sühnezeichen am 1. September 1959 nach Norwegen aufbrach, um dort ihr erstes Sühnezeichen, ein Wirtschafts- und Therapiegebäude für das nordnorwegische Behindertenheim Trastad Gard zu bauen, konnte die deutsche Baugruppe drei Grußadressen als Empfehlung an die Norweger mit auf den Weg nehmen. Die Oberbürgermeister von Köln und Hamburg, und der Regierende von Berlin, Theodor Burauen, Max Brauer und Willy Brandt, stellten sich mit ihrer persönlichen Autorität ostentativ hinter die Aktion (...).
Als die Aktion Sühnezeichen dann in den sechziger Jahren ihre Fühler nach Polen ausstreckte, war es wiederum Willy Brandt, der sich hinter die Bemühungen stellte und uns ermutigte: "Ihr müsst das jetzt tun. Wir können es noch nicht!" In dem "noch nicht" schien damals schon die Vision seiner späteren Ostpolitik als Bundeskanzler auf, die in dem historischen Warschauer Vertrag vom 10. Dezember 1970 gipfelte. Willy Brandts symbolträchtige Geste des Kniefalls am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos erregte damals weltweite Aufmerksamkeit als Ausdruck der Menschlichkeit, der Demut und des Versöhnungswillens und gehört fest zu unserem Geschichtsbild.Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags trug der Vorstand der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Januar 1971 nach langer Vorarbeit offiziell die Bitte an die Regierung der Volksrepublik Polen heran, in Auschwitz eine Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS) errichten zu dürfen. Damit begann ein zähes Ringen in beiden Ländern um die Realisierung dieses Vorhabens. Insgesamt hat die Realisierung dieses besonderen Sühnezeichens fast 15 Jahre gedauert. Genau am 15. Jahrestag der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages konnte das Haus seiner Bestimmung übergeben werden.
Sowohl die Unterbringung des Bauvorhabens im Volkswirtschaftsplan der Volksrepublik Polen als auch die Finanzierung und deren Modalitäten auf deutscher Seite hatten sich als kompliziert und schwierig erwiesen. Eine Zeit lang war auf deutscher Seite auch der Standort Auschwitz ein Problem gewesen: Das Außenamt befürchtete, das Projekt läge "zu sehr im Banne der Vergangenheit". Und immer wieder versuchte die DDR zu intervenieren: Die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste sei eine westberliner Organisation und dürfte nicht von der Bundesrepublik aus gesteuert werden.
Heute erfreut sich die Internationale Jugendbegegnungsstätte eines guten Zuspruchs von jungen Menschen aus allen Teilen der Welt. Sie ist eingebettet in eine polnische Stiftung, deren Stifter die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und die Stadt Os´wiecim sind. Die Stiftung wird getragen und verantwortet von einem deutsch-polnischen Stiftungsrat. Ihr Ziel ist, einen Beitrag zu leisten zur Überwindung und Unwiederholbarkeit einer Geschichte, deren welthistorisch tiefster Punkt von der unmenschlichen Praxis des Konzentrationslagers Auschwitz und der anderen Vernichtungslager markiert wird. Aber auch einer deutschen Politik, die ein hoher polnischer Diplomat einmal so formulierte: "Die Maxime deutscher Außenpolitik hat sich seit eh und je nicht geändert, sie lautet: Polen muss hören und aufhören."
Die Brandtsche Ostpolitik hat einer solchen Politik grundsätzlich eine andere Richtung gegeben. Sie muss aber auch getragen werden von einer enterechenden Einstellung der Menschen, damit nie wieder geschieht, dass der Geist junger Menschen vergiftet wird durch Heldenwahn und Rassenhetze und dass Familien im engsten Kreise vor der Wahrheit zurück schrecken müssen, weil sie Angst haben. Gute oder schlechte Politik wirkt sich letzten Endes immer als Glück oder Unglück für den einzelnen Menschen aus.
Hans Richard Nevermann
Meine Heimat ist Os´wiecim!Guten Abend, meine Damen und Herren!
Ich heiße Magdalena Jakubowska, ich bin 18 Jahre alt und ich komme aus einem Ort, der weltbekannt ist. Ich bin in diesem Ort geboren, ich ging in den Kindergarten und ich gehe dort zur Schule. Bald werde ich mein Abitur machen.Der Ort heißt Os´wiecim, er ist etwa siebzig Kilometer von Krakau entfernt, aber nur wenige Menschen in Deutschland oder in den USA kennen ihn unter diesem Namen, sie nennen mein Zuhause mit dem deutschen Namen "Auschwitz". Das Konzentrationslager Auschwitz wurde nahe der Stadt errichtet, in der Polen und Juden lebten, seit langen Jahrhunderten - eine kleine Stadt, nicht weltberühmt, aber die Bewohner waren in ihr Zuhause und sie liebten ihre Stadt ganz selbstverständlich, so wie man aufsteht oder zufrieden ins Bett geht, wenn man satt ist. Auch heute leben wir in dieser Stadt, wir hören Musik, Kinder werden geboren, Straßen ausgebessert, Prüfungen bestanden und Diskussionen geführt.
Es ist, meine sehr verehrten Damen und Herren, nicht einfach und selbstverständlich an einem Ort zu leben, wo Geschichte und Gegenwart einander so nah sind, wo der Tatort eines der größten Verbrechen an der Menschlichkeit vor der Haustür liegt, wo Juden, Polen und Häftlinge aus vielen Ländern Europas gequält, gedemütigt und ermordet wurden: Erinnerung und Gedenken, Wissensvermittlung und Offenheit gegenüber dem Neuen und "Fremden" - in meiner Heimatstadt treffen sich Trauer und Hoffnung, Geschichte und Gegenwart, Gestern, Heute und Morgen. Eine tägliche Herausforderung aber auch eine große Chance.
Ich möchte gerne den jungen Deutschen, die die Jugendbegegnungsstätte besuchen, meine Stadt zeigen. Deswegen bin ich froh, dass ich Deutsch und Englisch spreche und bald Führungen durch meine Stadt anbieten kann. An der alten Piastenburg vorbei zum jüdischen Zentrum in einer der ehemaligen Synagogen der Stadt, über den Marktplatz, an der Kirche des Salesianerordens vorbei und zurück zur Jugendbegegnungsstätte, die jetzt seit fünfzehn Jahren besteht und nicht nur für die Gäste aus vielen Ländern Europas sondern auch für die Bewohner der Stadt ein Ort der Begegnung, der Erinnerung und der Diskussion ist.
Vielleicht will ich wegen all der Gedanken und Gefühle, die ich Ihnen geschildert habe, Geschichte studieren. Ich werde mich an der Viadrina Universität in Frankfurt Oder bewerben. Sie merken: Die Begegnung setzt sich fort.
Magdalena Jakubowska
Schülerin des Konarski-Lyceums in Os´wiecim
Meine Reise ist noch nicht zu Ende...Hallo Frau Ministerin, liebe Frau Goldstein, sehr geehrte Gäste!
Mein Name ist Beate Kruse, ich lebe in Braunschweig und bin dort Auszubildende bei Volkswagen. Ich lerne Werkzeugmechanikerin. Kein Männerberuf mehr, wie man an mir sehen kann.
Im vorigen Jahr war ich mit fünfzehn Kolleginnen und Kollegen vierzehn Tage in Polen zu einem Begegnungsseminar mit polnischen Berufsschülern aus Bielsko- Bia?a: Wir lebten gemeinsam in der Jugendbegegnungsstätte und wir arbeiteten vormittags an der Erhaltung der Gedenkstätte Auschwitz. Deutsche und Polen ge-meinsam, ich war so etwas wie eine Brücke, denn ich bin in Polen geboren und noch einige Zeit aufgewachsen, bevor meine Eltern mit uns nach Deutschland zogen. Selten waren meine polnischen Sprachkenntnisse so begehrt wie in Os´wiecim und selten war mir vorher so bewusst gewesen, dass ich mich in beiden Ländern - Deutschland und Polen - zu Hause fühle.
Wir arbeiteten in der Gedenkstätte, meine Damen und Herren, wir legten überwachsene Wege im ehemaligen Lager Birkenau frei, dort wo die jüdischen Familien aus Theresienstadt untergebracht waren: Niemand von uns hatte sich vorstellen können, dass das Lager solche riesigen Ausmaße hatte. Uns allen aber wurde klar, dass das Leiden der Menschen, die Szenen, die sich dort ereignet hatten für uns nicht nachzuvollziehen waren. Wir kennen keinen Hunger, niemand erniedrigt uns als Untermenschen, wir gehen in relativer Sicherheit durch unsere Tage. Deshalb war für uns das Gespräch mit Herrn Smolen, einem ehemaligen Häftling, von großer Bedeutung: Dass er uns offen und freundlich gegenübertrat, ohne Bitterkeit auf unsere Fragen einging und von seiner Zeit im Lager erzählte, hat uns alle angesichts dessen, was wir in Auschwitz erfahren haben, besonders berührt. Ich bin froh, dass viermal im Jahr Auszubildende aus den verschiedenen VW-Werken für vierzehn Tage nach Os´wiecim in die Jugendbegegnungsstätte fahren und die Gelegenheit haben, gemeinsam mit unseren polnischen Kolleginnen und Kollegen aus Bielsko ähnliche Erfahrungen machen zu können. Und ich freue mich, dass ich mit meinen Erfahrungen, die mir viel bedeuten, nicht allein bin, dass ich mit Jugendlichen aus anderen europäischen Ländern, die in dieser Ausstellung zu Wort kommen, verbunden bin. Das hilft mir, selbstbewusster und deutlicher zu leben und den Mund aufzumachen im Kollegen- und Freundeskreis, im Bus oder in der Berufsschule bei dummen, antisemitischen Sprüchen, bei ausländerfeindlichem Blödsinn. Das ist nicht einfach. Aber nach diesen vierzehn Tagen ist sich Raushalten und Wegdrehen für mich schwerer geworden. Diese Reise ist noch nicht zu Ende.
Beate Kruse
Jahrgang 1982, seit September 1999 Auszubildende (Werkzeugmechanikerin) der Volkswagen Coaching in Braunschweig
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